Kategorien
Biographie

Theodor Litt – sein Leben und Wirken in Leipzig unter Betonung der Jahre zwischen 1945 und 194730 min read

Theodor Litt verbrachte in Leipzig 27 Jahre seines Lebens. Die Leipziger Zeit von 1920 bis 1947 war in ihrem wissenschaftlichen Gehalt besonders fruchtbar.

vorlesen

KONRAD KRAUSE
Theodor Litt – sein Leben und Wirken in Leipzig
unter Betonung der Jahre zwischen 1945 und 1947

  1. Einige Anmerkungen zu Litts Leipziger Zeit

Theodor Litt verbrachte in Leipzig 27 Jahre seines Lebens. Die Leipziger Zeit von 1920 bis 1947 war in ihrem wissenschaftlichen Gehalt besonders fruchtbar. Sie war aber auch voller politischer Umbrüche und zermürbender Angriffe auf seine Person, was u. a. 1937 zu seiner „freiwilligen” vorzeitigen Emeritierung führte: Weimarer Zeit, Zeit der Nationalsozialisten und Hörsaalvandalismus, der elende Krieg und die Nachkriegszeit mit Andeutungen einer aufkeimenden Demokratie, die durch die Vorgänge in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nach einer Änderung der Außenpolitik der Sowjetunion zum Eisernen Vorhang und zu einer Diktatur des Proletariats führte, die zugleich zu einer Diktatur einer Funktionärsschicht auch über das Proletariat selbst wurde. Besonders unmittelbar nach 1945 stand Litt wie alle anderen, die den Krieg überlebt hatten, unter dem Schock eines totalen Krieges, der von Deutschland verloren wurde und der das Land in ein unbeschreibbares Elend gestürzt hatte. Bei nicht wenigen überlagerte sich die totale Niederlage mit einem Gefühl der Schuld. Dabei hatte Litt vieles so kommen sehen – wie aus seinem Briefwechsel aus jener Zeit hervorgeht – und wie es dann auch tatsächlich kam.
Litt wirkte in Leipzig nicht nur als Hochschullehrer, sondern auch als Rektor der Universität, als Prorektor, als Dekan, als Institutsdirektor und er war Familienvater, Bürger Leipzigs, Schrebergärtner, Sänger, Kollege, Freund und zudem ein überaus charaktervoller, geradliniger Mensch, der zunehmend kritischer über die Gesellschaft und die politischen Vorgänge in ihr nachdachte, die sein Umfeld bestimmt hatten. 1880 geboren, formte sein Denken zunächst das Leben in einer Monarchie preußischer Prägung und in der Familie eines Gymnasialprofessors, dann das Ende der Monarchie und des preußischen Kaisers im Zusammenhang mit dem verlorenen 1. Weltkrieg, an dem Litt als Soldat zeitweilig teilgenommen hatte. Es kam die Weimarer Zeit, in der, wenn überhaupt, Hochschullehrer der deutschen Demokratie mehr aus Gründen der Vernunft, weniger aus Überzeugung, zugestimmt haben. Er erlebte vor und seit 1933 bis 1945 die hemmungslose Entfaltung der NS-Ideologie, besonders unter der Studentenschaft, dann das NS-Regime selbst und nach 1945 bis 1947 nicht nur die Amerikaner’ als Besatzungsmacht, sondern auch zarte demokratische Versuche in der sowjetischen Besatzungszone, die sich allerdings bald mit Hilfe deutscher „Genossen” und in der Sowjetunion geschulter Funktionäre in Stalinismus und einen Kommunismus sowjetischer Prägung umformte. Diese Entwicklung führte, im Jahr 1948 verstärkter einsetzend, schnell zu einer Diktatur des Proletariats, zu einem alleinigen Führungsanspruch unter den Parteien, die zur Grundlage des SED-Regimes und der DDR wurde. Ausführlicher haben in letzter Zeit darüber besonders Carsten Heinze (Litt 1930 bis 1936), Eva Matthes (Litt 1937 bis 1945 und nach dem 8. Mai 1945) sowie Wolfgang Matthias Schwiedrzik (Der Philosoph und Pädagoge Theodor Litt in Leipzig 1933 bis 1947) berichtet. Andererseits hat Gerald Wiemers Litts Erfahrungen im Umgang mit zwei Diktaturen an der Universität Leipzig und als Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eindrucksvoll dargestellt.
Die Regierungsgewalt lag unmittelbar nach dem Krieg allein bei den Besatzungsmächten; in der Sowjetischen Besatzungszone bei der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), von der es in den einzelnen Ländern/Provinzen Außenstellen (z.B. für Sachsen die SMA-Sachsen) gab, denen entsprechende deutsche Verwaltungen unterstanden, die allerdings keine Entscheidungsbefugnisse hatten. Durch die immer strenger gehandhabten Kriterien bei der Überprüfung und Entnazifizierung des Universitätspersonals in der SBZ und die damit ausgelösten Entlassungen blieb die Universität vorerst arbeitsunfähig. Viele Mitarbeiter und Studierende waren zudem im Krieg geblieben und gefallen. Die Wiedereröffnung der Universität, die für den 31. Oktober 1945 vorgesehen war, wurde nicht nur aus diesem Grund hinausgezögert, sondern auch weil man Zeit gewinnen wollte, um wichtige Stellen und Professuren durch einen gewünschten Personenkreis zu ersetzen, der eine kommunistische, sowjetfreundliche Gesinnung zeigte oder der sich dem neuen politischen System gegenüber zumindest loyal verhielt. Denn vom ersten Tag an bestand das zunächst nicht offen ausgesprochene Ziel der SED, nach und nach das verhasste „bürgerliche Element”, den mit ihm verbundenen Personenkreis sowie die „bürgerliche Denkweise” an der Universität auszumerzen. Schon die Tatsache, dass man nicht von der „Wiedereröffnung”, sondern von der „Neueröffnung” der Universität sprach, war Ausdruck dieses Programms, das den Bruch mit der universitären Tradition signalisieren sollte.
Allerdings wurde die Stadt Leipzig am 17./18. April 1945 nicht von der Roten Armee, sondern von amerikanischen Streitkräften zuerst erreicht und besetzt. Bis zum 20. April stand sie voll unter ihrer Kontrolle. Mit Zustimmung der amerikanischen Militärregierung kam es an der Universität zu ersten Schritten einer organisatorischen und personellen Neuordnung. Am 16. Mai 1945 wurde der Archäologe Bernard Schweitzer zum ersten Nachkriegsrektor gewählt und durch die amerikanische Militärbehörde bestätigt. Bereits zum 1. Juli aber hatten die Amerikaner Leipzig wieder verlassen, weil die Stadt in einem Gebiet lag, das gemäß den Abmachungen der Alliierten zur Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gehören sollte. Ab 1. Juli marschierten sowjetische Truppen in Leipzig und anderen Gebieten ein. Bernard Schweitzer geriet unter den neuen politischen Bedingungen bald unter den Druck der neuen Behörden, wie der Zentralverwaltung für Volksbildung und den Dienststellen der SMAD. Er trat deswegen am 30. Dezember 1945 zurück und teilte diesen Entschluss am 5. Januar 1946 dem Senat der Universität mit. Gegen Schweitzer wurde vor allem der Vorwurf erhoben, dass er sich wenig kooperativ gezeigt habe, vor allem aber, dass er versucht hätte, die Entnazifizierung zu verzögern, mildernd durchzuführen, um so die Universität arbeitsfähig zu erhalten. Deswegen hätte man auch eine für den 31. Oktober 1945 gegebene Zusage zur Wiedereröffnung der Universität nicht eingehalten. Als sein Nachfolger wurde am ’21. Januar 1946 der Philosoph Hans-Georg Gadamer gewählt, der seit dem 8. Juni 1945 Dekan der Philosophischen Fakultät I war.
Theodor Litt erlebte nach seiner Zwangsemeritierung am 30. September 1937 die Kriegsjahre und das Kriegsende in Leipzig. Er stand am Ende des Krieges 1945 im 65. Lebensjahr, stellte sich aber trotz seines vorgeschrittenen Alters sofort für den Wiederaufbau und zur Errichtung eines demokratischen Gemeinwesens zur Verfügung. Zerstörung, Not und Tod hatten damals so gut wie alle Familien in einem Ausmaß betroffen, über das sich wohl nur derjenige treffende Vorstellungen machen kann, der diese Zeit direkt erlebt hat. Das Wort „ausgebombt”, zum Beispiel, heute zum Glück aus der Alltagssprache wieder verschwunden, bedeutete, dass Bombentreffer die Wohnung und den Besitz von Menschen total ausgelöscht hatten. Litts Sohn Alfred kam aus dem Krieg nicht zurück, blieb vermisst. Wenngleich zu ihm Spannungen im Elternhaus wegen seiner Zuneigung zu nationalsozialistischen Ideen bestanden, blieb er dennoch das eigene Kind, das der Krieg verschlungen hatte.
Vor der Eröffnung der Universität erfasste diese mehrere Wellen der Überprüfung, der Säuberung und der Entnazifizierung des Personals. Sie wurden nach immer schärferen Kriterien durchgeführt. Bereits unter den Amerikanern war es zur Verhaftungen belasteter Professoren gekommen. Als die Amerikaner aus Leipzig abzogen, hatten sie etwa 40 Hochschullehrer vorwiegend aus dem Kreis der Naturwissenschaftler und Mediziner verhaftet, interniert und teilweise zusammen mit Angehörigen nach Weilburg/Lahn in ein Internierungslager gebracht. Ihr intellektuelles Potential sollte nicht in die Hände der „Russen” fallen. In Weilburg bestand sogar zeitweilig eine “Außenstelle der Philosophischen Fakultät”, die der Geograph Professor Georg Schmitthenner vertrat. Unter der Aufsicht der SMAD kam es erneut zu einer Säuberung des Lehrkörpers unter sich weiter verschärfenden Bedingungen. So wurden bis zum 31. Oktober 1945 vierzig und bis zum 15. November 1945 noch einmal sechzig Hochschullehrer von der Universität entfernt. Allein die bloße Mitgliedschaft in der NSDAP war für ihre Entlassung ausreichend. Von den nahezu 190 Hochschullehrern, die im Mai 1945 noch zur Universität gehörten, standen zum Zeitpunkt der Wiedereröffnung lediglich noch etwa vierzig zur Verfügung. Ausgewählte Gelehrte, besonders der Technik- und Naturwissenschaften, wurden nun in Richtung Osten in die Sowjetunion gebracht, um dort ihr Wissen und Können „zur Verfügung zu stellen”. Unter solchen Bedingungen war die Eröffnung der Universität am 5. Februar 1946 mehr als problematisch, wobei wir bisher neben den personellen die fehlenden materiellen Voraussetzungen und Zerstörungen überhaupt noch nicht erwähnt haben. Aber die Universität musste auch schon deswegen den Lehrbetrieb bald wieder aufnehmen, weil sich in der Stadt viele Studierende aufhielten, die Klarheit darüber haben mussten, ob sie ihr Studium fortsetzen durften oder nicht. Nicht wenige bereits im hohen Alter stehende Professoren wurden gebeten, ihren Platz am Katheder wieder einzunehmen und der Universität zu helfen. Als Beispiele seien der Chemiker Bernhard Rassow (1866 – 1954) beziehungsweise der Mathematiker Walter Schnee (1885 – 1958) erwähnt, die ich selbst noch in Vorlesungen erleben durfte.
Vor diesem Hintergrund versteht man auch den Inhalt eines Briefes, den Hans-Georg Gadamer als Dekan der Philologisch – Historischen Abteilung der Philosophischen Fakultät an den Rektor der Universität, Prof. Bernard Schweitzer, am 24. Juli 1945 geschrieben hat, um Theodor Litt wieder in den Lehrkörper der Universität zurückzuholen:
„Euer Magnifizenz bitte ich, unter Aufhebung des in der Abschrift beigefügten Erlasses über die Entbindung von seinen amtlichen Verpflichtungen an der Philosophischen Fakultät Herrn Professor Dr. Litt wieder in sein früheres Amt einzusetzen, und zwar schlage ich als Zeitpunkt den 1. Oktober 1945 vor. gez. Gadamer”.
In einem Brief des Rektors Prof. Schweitzer vom 10. August 1945 an Herrn Prof. Dr. Litt Leipzig C1 Beethovenstraße 31 III heißt es dann in dieser Angelegenheit:
„Aufgrund der mir von der amerikanischen Militärregierung erteilten Ermächtigung vom 21. Juni 1945 verleihe ich Ihnen – vorbehaltlich späterer Zustimmung des zuständigen Ministeriums – mit Wirkung vom 1. Oktober 1945 die freie Stelle eines ordentlichen Professors an der Universität Leipzig mit der Verpflichtung, die wissenschaftliche Pädagogik in Vorlesungen und Übungen zu vertreten. gez. Schweitzer”.
Nach Eingang dieses Briefes bei Litt hat dieser selbst darum gebeten, das Berufungsgebiet auf die Philosophie zu erweitern. Dem entsprach die Universität. Rektor Schweitzer richtete damals an den Dekan der Philosophischen Fakultät Philologisch-Historische Abteilung – folgendes Schreiben:
„Ich bitte davon Kenntnis zu nehmen, dass ich nachträglich mein Schreiben an Prof. Dr. Litt vom 10. August 1945 betr. Verleihung der freien Planstelle dahin geändert habe, dass dieser verpflichtet ist, auch das Fach der Philosophie in Vorlesungen und Übungen zu vertreten.”
Aus einem Schreiben der Landesverwaltung Sachsen-Volksbildung, Abt. Wissenschaft und Forschung, vom 21. Mai 1946, das Staatssekretär Menke-Glückert unterzeichnet hatte, geht zudem hervor, dass als endgültiger Einstellungstag für Litt nicht der 1. Mai und auch nicht der 31.0ktober 1945 gilt, sondern der 1. Juli 1945.
Somit ordnet sich die berufliche Tätigkeit Litts an der Universität Leipzig nach dem 2. Weltkrieg in den Zeitraum zwischen dem 1. Juli 1945 und dem 30. September 1947 ein, als er nach Bonn wechselte, von wo er 1920 nach Leipzig gekommen war.
Theodor Litt entwickelte in dieser Zeit nicht nur in seiner Eigenschaft als Hochschullehrer eine erneute, befreiende Ausstrahlung, sondern er trug zudem aktiv zur Bereicherung des öffentlichen Lebens in der Stadt als Redner großer Veranstaltungen bei, die mitunter in der Kongresshalle vor mehr als Tausend Teilnehmern stattfanden. Nicht selten wurden sie mit Referenten und Koreferenten in einer Art gestaltet, in die auch die Zuhörer eingreifen konnten. Unvergessen bei mir bekannten und noch in Leipzig lebenden Zeitzeugen ist das bei solchen Gelegenheiten gezeigte Eintreten von Litt für die Belange der Studierenden. Oft nahm Litt, der sich besonders im Kulturbund betätigte, auch die Einladung von Parteien an, um über Probleme der Nachkriegsentwicklung zu sprechen. Litt war aber auch als Berater bei Entscheidungen der Schul- und Universitätsentwicklung gefragt, wenngleich er bald einsehen musste, dass sein Rat zwar eingeholt, seine auf Erfahrung und Vernunft beruhenden Vorschläge bei den führenden Funktionären aber kaum Beachtung fanden. Ein Beispiel dafür sind die Vorgänge, die zur Gründung Pädagogischer Fakultäten an den Universitäten in der Sowjetischen Besatzungszone führten, über die ich an anderer Stelle ausführlich berichtet habe. Schon aus diesem Grunde geriet er in Konfrontation mit den Behörden und der für ihre Entscheidungen maßgebenden Ideologie, in der immer deutlicher totalitäre Züge sichtbar wurden, die seinen Glauben an die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens nachhaltig schwinden ließen. Der Gelehrte war aber auch als Vortragender auf Fachtagungen gefragt, wie zum Beispiel Anfang des Jahres 1947 in Halle, als er zum Thema: „Synthese zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung” vor Berufsschullehrern sprach. Anlässlich eines Pädagogischen Kongresses, 1946 in Berlin, referierte er zum Thema: „Die Bedeutung der pädagogischen Theorie für die Ausbildung des Lehrers”. Litt zählte damals noch zum Herausgeberkreis der Zeitschrift „Pädagogik”, in der nicht nur dieser Vortrag Litts, sondern auch eine Entgegnung des Mitherausgebers Gustav Lange erschien, ohne dass er Litt vorher informiert hatte; es handelte sich um eine kritische Entgegnung aus marxistischer Sicht. Litt trat wegen dieses Vorfalls unverzüglich aus dem Herausgeberkreis aus. So wurde schon frühzeitig der Parteiführung der inzwischen gegründeten SED deutlich, dass Litt unbequem blieb, eine Erfahrung, die schon vorher die Nationalsozialisten machen mussten. Gern hätte man ihn als „Aushängeschild” gehabt, denn der Gelehrte glänzte nicht nur durch fachliche Leistungen, sondern auch durch Geradlinigkeit, durch sein hohes Ansehen und durch seine konsequente Haltung gegen den Nationalsozialismus. Nicht zuletzt ist die strenge Art und Weise, mit der das Universitätspersonal bei der Entnazifizierung in der SBZ überprüft wurde, ein sicherer Beleg dafür, dass Litt absolut frei von Verbindungen zum „Nazismus” und seinen Organisationen war. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte er 1945 keine erneute Anstellung an der Universität bekommen. Bald setzte aber eine bewusste Polemik gegen ihn aus der „marxistischen Ecke” ein (Reble). Als er dann dem Ruf nach Bonn folgte und damit die SBZ verließ, wurden später in der DDR, die 1949 gegründet wurde, von vielen Personen seine Schriften “ideologisch seziert”, um ihm eine Fülle an Fehlleistungen und fachlichem Unvermögen zu bescheinigen.
Vor seinem Weggang musste Litt zunehmend mehr Angriffe gegen seine Person abwehren, die ein Beleg dafür sind, dass man schon in der Zeit der SBZ jedes Wort von ihm genau registrierte und prüfte. So findet man zum Beispiel in seiner Personalakte eine Erklärung vom 10. Mai 1946, die er sicher auf Angriffe gegen seine Person hin abzugeben hatte, welche wie folgt lautet:
„Professor Theodor Litt – Im Dezember 1945 sprach ich auf Veranlassung der CDU und der LDP vor Studenten über das Thema: „Studium und Politik.” In diesem Vortrag bemühte ich mich u. a., die Hörer für den Geist der Demokratie zu gewinnen, und wies auf das nationale Laster der Deutschen hin, das der Festigung der Demokratie vor allem im Wege steht: die unduldsame Gehässigkeit, mit der bei uns seit je die Vertreter abweichender politischer Überzeugungen verfolgt und moralisch schlecht gemacht werden. Ich wies auf das Beispiel der englischen Demokratie hin, deren Parteien es fertig gebracht haben, die entschiedene Vertretung der eigenen politischen Meinung mit der achtungsvollen Haltung gegenüber dem anderen Denken zu vereinigen! Zu dieser Ritterlichkeit der Haltung müsse vor allem die akademische Jugend sich erziehen. In diesem Zusammenhang von Russland zu sprechen, wäre einfach sinnlos gewesen, weil es dort nicht eine Mehrheit von Parteien gibt, die sich in ein Verhältnis zu setzen hätten. Bis heute bin ich der Überzeugung, dass die Erziehung zu dieser Duldsamkeit ein wesentliches Stück der Erziehung zur Demokratie ist, die man von uns Universitätslehrern erwartet. Wer an diesem Gedanken Anstoß nimmt, beweist m. E., dass es ihm mit der Demokratie nicht Ernst ist.”
Und weiter heißt es:
„Im April [gemeint ist hier 1946; K.K.] sprach ich im ,Kulturbund’ über das Thema: ,Die Sendung der Philosophie’. Wie man in diesem Vortrag Spitzen gegen irgendwelche Parteien hat finden können, ist mir unerfindlich. Es ist mir auch bis heute kein einziger Satz genannt worden, den man in diesem Sinne auslegen könnte. Unter den Anwesenden befanden sich, wie ich bemerkte, die Kollegen Beenken, Menz, Volkmann-Schluck. Sie werden in der Lage sein, zu bekunden, ob ich mir irgendwelche politische Ausfälle gestattet habe.
Wenn man natürlich einen Philosophen schon deshalb verdächtigt, weil er in Abwehr des neuerdings wieder in vielfacher Gestalt aufgeblühten Relativismus den Gedanken der absolut gültigen Wahrheit mit Argumenten, die schon in Platons Theätet entwickelt werden, verteidigt, denn es ist ein Leichtes, Misstrauen gegen ihn zu erwecken. Aber auch dagegen muß ich bemerken, dass die Wiederherstellung des völlig verwahrlosten Wahrheitssinns eine der wesentlichen Bedingungen für die seelische Genesung des deutschen Volkes ist. Wer den Philosophen dieses Bestreben verargen will, der beweißt, dass er nicht weiß, was unserem Volk vor allem nottut. gez. Litt”


Am 5. Februar 1946 nahm die Universität ihren Lehrbetrieb wieder auf. Es versteht sich, dass jeder Schritt inhaltlicher, personeller und organisatorischer Art von Genehmigungen abhängig war, die die SMAD oder für Leipzig die SMA-Sachsen in Befehlen zum Ausdruck brachte. Für Litt, der inzwischen im 66. Lebensjahr stand, begann wieder eine Zeit der Vorlesungen und Seminare. Er konnte die aktiven Ausstrahlungen einer lernbereiten Studentenschaft spüren, die der endlich gewonnene Frieden, die fehlende Angst, das Leben zu verlieren, zu höchsten Leistungen und zu einer bemerkenswerten Disziplin und zu hohem Studieneifer anfachte.
Aber Litt blieb eine Person, die man überwachte. So hatte zum Beispiel am 15. Februar 1946 Prof. von Jan als Prodekan der Philosophischen Fakultät Litt mitgeteilt, dass seine Vorlesung zum Thema „Staat und Sittlichkeit” von der russischen Militäradministration genehmigt worden sei, eine Zusage, die allerdings bereits am 23. April 1946 rückgängig gemacht wurde. Dieses Datum trägt ein Brief, den der Rektor der Universität unterzeichnet hatte. Es heißt darin:
„Laut Anordnung der SMA können für folgende Vorlesungen keine Genehmigungen erteilt werden. Sie sind, falls schon begonnen, sofort abzubrechen.

Prof. Dr. Litt Einführung in die Philosophie
Staat und Sittlichkeit
Übungen im Anschluß an die Vorlesung „Einführung in die Philosophie”
Prof. Dr. Menzel Geschichte der Pädagogik
Übungen über allgemeine Fragen der Unterrichts-und Erziehungslehre
Prof. Dr. Strecker Politische Zielsetzung in der Pädagogik Der Zeitgeist der heutigen Generation
Staatsphilosophische Übungen
Prof. Dr. Petzelt Grundzüge der systematischen Pädagogik
Prof. Dr. Wedemeyer Japanische Schriftsprache
Japanische Textlektüre
Dr. Paulsen
Übungsbeauftragter Grundzüge des Neubaus der deutschen Wirtschaft mit Übungen”

Auffällig hoch ist in dieser Liste die Zahl der zurückgewiesenen Lehrveranstaltungen auf dem Gebiet der Pädagogik, der man im Rahmen der Erziehung der Jugend und der Umerziehung der Deutschen eine hohe Aufmerksamkeit beigemessen hatte. Diese Häufung kann aber auch dadurch bedingt gewesen sein, dass man gerade diesen Personen mit Vorsicht gegenübertrat.

  1. Theodor Litt und Walter Ulbricht

Walter Ulbricht, der sich in den Kriegsjahren in der Sowjetunion im Exil aufhielt, wurde dort mit anderen Kommunisten auf einen späteren Einsatz als Parteifunktionär in einem Deutschland nach dem Krieg vorbereitet. Mit ihm machten sich am 30. April 1945 weitere Genossen, wie Richard Gyptner, Otto Winzer, Hans Mahle, Gustav Gundelach, Karl Maron, Walter Köppe, Fritz Erpenbeck und Wolfgang Leonhard auf den Weg nach Deutschland, die als „Gruppe Ulbricht” in der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte bekannt geworden ist. Ihre Aufgabe war der Aufbau deutscher Selbstverwaltungen. Am 2. Mai 1946 nahm die Gruppe Ulbricht ihre Arbeit auf. Auch zwischen Litt und Ulbricht kam es, wenn auch später und zu einer anderen Gelegenheit, zu einem Zusammentreffen, das bis heute weniger bekannt geworden ist.” Die Leipziger Volkszeitung hatte für den Abend des 9. November 1946 zu einer Kulturveranstaltung in die Kongresshalle Leipzig eingeladen, in deren Mittelpunkt eine Rede Ulbrichts stand, in welcher er sich mit dem Zusammenbruch Deutschlands im ersten Weltkrieg sowie mit den Lehren der Novemberrevolution befasste. Der Aufruf zur Teilnahme in der LVZ vom 8. November 1. Jahrgang/Nr. 146 auf Seite 4 lautete wie folgt:
„Sonnabend 9. November 19.30 in der Kongreßhalle: Wir gedenken zweier Revolutionen – ihre Erfahrungen und Lehren. Es spricht Walter Ulbricht vom Zentralvorstand der SED. Generalmusikdirektor Gerhart Wiesenhüt-ter dirigiert Beethoven. Richard Träger vom Städt. Schauspiel rezitiert. Die Nietnerschen Männerchöre singen. SED, Kreis Leipzig; Karten zu 1.-RM bei den Betriebs- und Hauskassierern sowie in den Geschäftsstellen der Partei.”
Ulbricht nutzte seinen Aufenthalt in Leipzig, seiner Geburtsstadt, um bereits am Nachmittag an der Universität zusätzlich vor Studierenden im Hörsaal der Hautklinik in der Liebigstraße zu sprechen. Das Thema seines Vortrages war:
„Der Zusammenbruch Deutschlands im ersten Weltkrieg und die Lehren der November-Revolution”. Litt leitete als Vertreter der Universität die Veranstaltung. In einem Bericht über ihren Verlauf wird er als Prorektor erwähnt.18 Von Interesse für die Litt-Forschung ist, dass er nicht nur organisatorische Aufgaben wahrgenommen hat. Er nutzte vielmehr die Gelegenheit, um vor der eigentlichen Diskussion zu den Ausführungen von Ulbricht eine eigene Stellungnahme zu diesen Ereignissen vorzutragen. Nachdem er sich bei Ulbricht für seine Ausführungen bedankt hatte, führte er aus:
„Ich möchte aber, ehe wir in die Diskussion eintreten, gleichzeitig ein paar Worte an meine jungen Freunde richten: Auch ich bin einmal jünger gewesen und habe im Jahre 1918 den Zusammenbruch nach dem ersten Weltkrieg als junger Soldat mit erlebt. Ich habe damals gesehen, dass die deutsche Dolchstoßlegende nur erfunden war; denn dass wir den Krieg wirklich verloren hatten, das habe ich dann auch erkennen müssen. Wir jungen Leute haben dann hinterher studiert und es waren schwere Zeiten. Wenn ich aber diese Zeiten mit denen von heute vergleiche, und wenn ich dabei sehe, wie Sie sich durchschlagen müssen in wirtschaftlicher Hinsicht und in der Ernährungsfrage, dann muß ich immer wieder sagen, uns ging es damals noch verdammt gut.
Damals gab es leider auch eine Fehlentwicklung in der Studentenschaft. Der jugendlich begeisterungsfähige Nationalismus der studentischen Jugend hat sich leider in einer falschen Weise zusammengefunden. Die Jugend war damals nicht politisch geschult. Sie hat gar nicht kritisch denken gekonnt und war in einer gewissenlose Weise durch die Führung kapitalistischer Kreise auch nach falschen Richtungen ausgerichtet worden. Die Studenten, die aus der Front kamen, waren alle sozialistisch und demokratisch eingestellt. Die Führung der Studentenschaft kam aber dann weiterhin wieder zu den anderen Kreisen und leider hat die Entwicklung dann dazu geführt, dass auch gerade die kapitalistisch-imperialistischen Kreise diese Bewegung wieder an sich rissen und dass es dann in der weiteren Entwicklung zu dem Zusammenbruch kam, wie er heute vor uns liegt. Wenn ich heute Ihre Lage bedenke, dann muss ich sagen, es ist erschütternd, wie schwierig die Verhältnisse sind und wie ausweglos heute alles oft erscheint. Wir sind uns darüber klar und wir wissen, dass sie ja eigentlich als Erben der damaligen Generation nicht an dem Unglück schuld sind, sie sind aber die Erben einer Schuld, die das ganze deutsche Volk nun mit zu tragen hat. Ich frage Sie nun: Soll die heutige Studentenschaft wieder eine solche Fehlentscheidung treffen? Dass jeder deutsche Student
wirklich national denkt, ist ja wohl selbstverständlich, aber er soll nicht nationalistisch denken, nicht imperialistisch. Und wie kann nun sein Idealismus gelenkt werden? Ich will ganz ehrlich sagen, sehr viel Positives können wir als Nichtpolitiker wohl aber nicht sagen. Wir wollen nur hoffen, dass Sie den richtigen Weg finden. Und diese Wege, die wir Ihnen von der Universität aus bieten können, sollen so sein, dass sie in politischen Fragen selbständig denken lernen und sich auch in Diskussionen auseinandersetzen können. Sie sollen erzogen werden. Sie sollen nicht mehr wieder in falsche Richtungen kommen, denn Sie sollen für die Zukunft mehr erreichen als wir und sollen einen richtigen Weg gehen. Wir können bereits einen hoffnungsvollen Schimmer darin sehen, dass ja in der ganzen Welt Umformungen stattfinden, die den Kapitalismus entweder beseitigen oder in andere Bahnen lenken wollen. Und so geht die Demokratisierung in der ganzen Welt vor sich. Ich glaube, wir können hoffen, dass eine fortschreitende Demokratisierung uns mehr Entwicklungsmöglichkeiten als Volk wieder gibt. Das setzt voraus, dass wir selbständig denken, dass wir politisch uns schulen, dass wir nicht, wie früher, einfach in jugendlicher Begeisterung vorwärts stürmen, ohne dass wir sachlich alle Möglichkeiten zu erstreben suchen. Wir müssen eine Jugend bekommen, die wieder politisch denken kann und die dann vielleicht das schwere Schicksal meistert, was wir heute vor uns haben. Ich hoffe, dass die deutsche Jugend diesen Weg findet. Wir können keine Richtlinien geben, wir sind ja heute ein Volk, welches nicht entscheidend in der Welt dasteht. Unsere Aufgabe ist nur, der Welt zu beweisen, dass wir eine Schuld, die wir auf uns geladen haben, tragen mit dem Bewusstsein, es muß besser gemacht werden und wir müssen selbst einen Weg wieder finden, um der ganzen Welt zu zeigen, dass wir nicht die sind, wie es unter Hitler einmal der Welt erschienen war. Aber ich möchte auch gleichzeitig davor warnen, sich reaktionären Kreisen zuzuwenden. Wir müssen wieder eigene Kräfte gewinnen.”
In dieser Erklärung wird deutlich, welche zentrale Rolle eine moderne Demokratie in Litts Denken inzwischen eingenommen hatte, eine Entwicklung, die bei ihm bereits in den letzten Kriegsjahren einsetzte. Noch voll unter dem Eindruck der unvorstellbaren Kriegstrümmer in materieller, geistiger und familiärer Hinsicht stellt er nun sogar die Notwendigkeit einer politischen Erziehung heraus, um bei den Studierenden die Fähigkeit zu entwickeln, sich in politischen Fragen auszukennen und um eigenständige Entscheidungen treffen zu können. Die politische Erziehung begriff der Gelehrte als Schutz vor ideologischen „Verführungen”. Das sind Äußerungen Litts, die deutlich machen, dass das Kriegserlebnis bei ihm ein bemerkenswertes Umdenken ausgelöst hatte. So wurde er zu einem bekennenden Demokraten, welcher der in der Weimarer Zeit von nicht wenigen praktizierten Haltung eines „Vernunftrepublikaners” das Ethos der Verantwortung und Wachsamkeit in politischen Fragen entgegenstellte. Politische Erziehung ist für Litt nun unbedingt notwendig und sie ist aus seiner Sicht ein Mittel des Selbstschutzes vor politischer Verführung und nicht ein Instrument der laufenden Bearbeitung und Beeinflussung zur Erzeugung von Staatstreue ohne kritische Prüfung.
Die Leipziger Volkszeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 12. November 1946 sowohl über das Ereignis in der Kongresshalle als auch über Ulbrichts Auftreten an der Universität. Unter der Überschrift: „Gibt es eine Steigerung der Demokratie?”, kommentierte das Blatt:
„Diese und andere Fragen beantwortete Walter Ulbricht den Leipziger Studenten im Großen Hörsaal der Hautklinik. Er war einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft demokratischer Studenten gefolgt, um über die geschichtlichen Lehren des Jahres 1918 zu sprechen. Walter Ulbricht erläuterte sehr klar, wie auf Grund der nicht zu Ende geführten Revolution von 1848 wieder die reaktionären Machthaber die Revolution zum Stehen bringen konnte. Die Folge dieser Politik der Kompromisse war das Scheitern der Weimarer Republik. Wir sind heute in der Entwicklung der Demokratie schon weiter gekommen, da wir jetzt die bürgerlich-demokratische Revolution nach nahezu einem Jahrhundert zu Ende geführt haben. Im Anschluß dieser Ausführungen setzte eine sehr rege Debatte ein, die zeigte, dass die Studentenschaft sehr kritisch und aufmerksam das historische Geschehen und die heutige Entwicklung betrachtet.”

  1. Abschied von Leipzig, Erinnerung und Rückkehr

Ein Jahr nach der Wiedereinstellung Litts bemühte sich die Universität Berlin um den Gelehrten und bot ihm eine Professur für Philosophie und Pädagogik an. Über eine Anfrage der Zentralverwaltung für Volksbildung informierte Litt die Landesverwaltung Sachsen, Abt. für Volksbildung, am 3. August 1946.
Er blieb jedoch in Leipzig. Aber schon Anfang des Jahres 1947 erreichte ihn erneut der Ruf einer anderen Universität. Am 15. Februar 1947 schrieb Litt an die Landesregierung Sachsen – Ministerium für Volksbildung, Abt. Wissenschaft und Forschung, einen Brief mit folgendem Inhalt:
„Ich erlaube mir, mitzuteilen, dass ich von dem Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen die Aufforderung erhalten habe, die Leitung eines Erziehungswissenschaftlichen Instituts für dieses Land verbunden mit einer Honorarprofessur an der Universität Bonn zu übernehmen. gez. Litt Professor der Philosophie und Pädagogik”
Eine Fülle von Erlebnissen, Zurücksetzungen, Denunziationen und Rechtfertigungen sowie die nun gewonnene Einsicht, dass eine demokratische Entwicklung in der SBZ nicht zu erwarten war, hatten bei Litt eine veränderte, innere Situation geschaffen, die den Gelehrten schließlich bewog, den Ruf nach Bonn anzunehmen. Der Brief, den am 22. September 1947 das Ministerium für Volksbildung – Abt. Hochschulen und Wissenschaft an Litt schrieb, hatte folgenden Wortlaut:
„Das Ministerium für Volksbildung, Abt. Hochschulen und Wissenschaft, hat aus Ihrem Schreiben vom 13.8.1947 mit lebhaftem Bedauern ersehen, dass Sie sich nunmehr doch entschlossen haben, aus dem Lehrkörper der Universität Leipzig auszuscheiden, um den an Sie ergangenen Ruf an die Universität Bonn anzunehmen. Es vermag sich jedoch den Gründen, die Sie zu diesem Entschluß bewogen haben, nicht zu verschließen und gewährt Ihnen hiermit die erbetene Entlassung aus dem öffentlichen Dienst des Landes Sachsen und aus Ihren Ämtern bei der Universität Leipzig zum 30. September 1947. Das Ministerium für Volksbildung spricht Ihnen für die der Universität Leipzig geleisteten wertvollen Dienste und für Ihre erfolgreiche Lehre und Forschungstätigkeit seinen verbindlichen Dank aus und wünscht Ihnen in Ihrem neuen Wirkungskreis volle Befriedigung und alles Gute. gez. Simon – Prof. Dr. A. Simon, Ministerialdirektor.’


Als Litt vor der Entscheidung stand, den Ruf an die Universität Bonn anzunehmen, war er 67 Jahre alt. 27 Jahre seiner Lebenszeit hatte er, wie bereits erwähnt, in Leipzig verbracht. In dieser Zeit ist dem Rheinländer ohne Zweifel die Stadt sehr vertraut geworden; er hat sich in sie hinein gelebt, ist heimisch geworden und sie ist ihm in dieser Zeit sogar ans Herz gewachsen: hier war sein zu Hause. Sicher wurde sein Entschluss, Leipzig zu verlassen, von mehreren Faktoren bestimmt. Dabei hat ohne Zweifel die Einsicht Litts maßgeblich mitgewirkt, dass es ihm in Zukunft nicht möglich sein würde, mit den sich anbahnenden Machtinstanzen, die ganz entgegen seiner eigenen geistigen Haltung absolut totalitär waren, zusammenzuarbeiten. Die von Ulbricht bei der Ankunft seiner Gruppe herausgegebene Direktive: „Es ist doch ganz klar: Es muß demokratisch aussehen – aber wir müssen alles in der Hand haben”, war von Litt schnell als taktisches Mittel erkannt worden.24 Litt nahm Abschied von Leipzig.
Bei Aufräumungsarbeiten im ehemaligen Universitätshochhaus haben wir die Durchschrift eines Briefes gefunden, den der damalige Dekan der Pädagogischen Fakultät, Prof. Lambertz, an Prof. Litt geschrieben und in dem er das Ehepaar Litt zu einer Abschiedsfeier in das Fakultätshaus in der Gustav-Freytag-Straße 42 eingeladen hatte.
Wie aus der Einladung des Dekans zu ersehen ist, hatte die Pädagogische Fakultät zugleich mit Prof. Litt auch Prof. Gadamer in der Feierstunde am 23. September 1947 als ihre Mitglieder verabschiedet. In der Einladung zur Abschiedsfeier hatte der Dekan noch an Litt geschrieben: „Wir freuen uns auf Ihr Erscheinen und zeichnen in alter Verehrung.” Aber es sollte nicht mehr lange dauern, und Litt wurde nach dem Willen der neuen Machtinstanzen auch an der Universität zu einer „persona non grata” herabgewürdigt. Ja mehr noch: Man setzte “Forschungen” zu ihm und seinem Werk in Gang, die dem Ziel dienen sollten, ihn als einen „bedeutungslosen Gelehrten” herabzuwürdigen, der lediglich solche Erkenntnisse wiedergegeben hätte, die vor ihm schon andere äußerten. Sein Weg in len „Westen” – später hieß das „Republikverrat” – sei ein weiterer Beleg für seinen “Niedergang”, der ihn schließlich zum „Hofphilosophen” Adenauers werden ließ.
Wie aus einem Brief der Landesregierung Sachsen – Ministerium für Volksbildung, Abt. Hochschulen und Wissenschaft, vom 13. Dezember 1948 an Prof. Alfred Petzelt hervorgeht, wurde Herr Dr. Herman Ley, der vorher in der Kulturabteilung der KPD/SED in Leipzig tätig gewesen war, zum Professor mit vollem Lehrauftrag für Theoretische Pädagogik an der Pädagogischen Fakultät Leipzig ernannt. Mit Wirkung vom l. Dezember 1948 war Ley zugleich kommissarischer Leiter des Instituts für Theoretische Pädagogik, dessen Direktor vor ihm Prof. Litt war und das unmittelbar nach seinem Weggang in der Zwischenzeit sein Stellvertreter, Prof. Alfred Petzelt, geleitet hatte. Der Brief an Petzelt ist als Anlage 4 wiedergegeben.


Am 27. Dezember 1960 wurde Theodor Litt 80 Jahre alt. Josef Derbolav und Friedhelm Nicolin gaben zu diesem Anlass eine Festschrift heraus, die eine TABULA GRATULATORIA enthält, in der all die Personen verzeichnet sind, die ihm ihren Glückwunsch ausgesprochen haben. Sein ehemaliger Leipziger Kollege, Alfred Petzelt, der Anfang 1948 in Leipzig unter den Druck der neuen Machthaber geriet und der diesem Druck durch eine „genehmigte” Übersiedlung in den „Westen” an die Universität Münster ausgewichen ist, widmete Litt in dieser Festschrift einen Beitrag mit dem Titel: „Zur Fundierung des Bildungsproblems”. In der Liste sind insgesamt 448 Gratulanten verzeichnet. Unter ihnen befanden sich ehemalige Kollegen aus Litts Leipziger Zeit bis 1937 sowie zwischen 1945 und 1947, die inzwischen die Stadt meist in Richtung „Westen” verlassen hatten. Das waren: Hans-Georg Gadamer, Professor, Universität Heidelberg; Werner Heisenberg, Professor, Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik München; Burckhardt Helferich, Professor, Universität Bonn; Alfred Petzelt, em. Professor, Universität Münster; Levin L. Schücking, em. Professor, Farchant bei Garmisch; Bernhard Schweitzer, em. Professor, Universität Tübingen; Eduard Spranger, em. Professor, Tübingen; Walter Ste-ger, Oberstudienrat, Ulm; Carl Friedrich von Weizsäcker, Professor, Universität Hamburg; Fritz Borinski, Professor, Freie Universität Berlin; Hans Freyer, em. Professor, Universität Münster, und Albert Reble, Professor, Pädagogische Akademie Bielefeld. Bundeskanzler Konrad Adenauer sowie der Physiker Otto Hahn, Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft, gehörten zu seinen Gratulanten.

Wolfgang Klafki, damals Dozent an der PH Hannover, der 1982 das Buch: „Die Pädagogik Theodor Litts – Eine kritische Vergegenwärtigung” verfasste, ist ebenso in der Liste verzeichnet.
Aber auch Persönlichkeiten, die noch in Leipzig ihren Wohnsitz hatten, ließen es sich nicht nehmen, in gebliebener Verehrung dem Jubilar ihre Glückwünsche auszusprechen, was als eine unfreundliche Haltung gegenüber der DDR gewertet werden konnte. Das waren: Max Bürger, em. Professor, Universität Leipzig; Theodor Frings, em. Professor, Universität Leipzig, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig; Hedwig Hänsel, Leipzig; Erwin Jacobi, em. Professor, Universität Leipzig; Karl Werner, Professor, Universität Leipzig; Siegfried Morenz, em. Professor, Universität Leipzig, sowie Alfred Dedo, em. Professor, Universität Leipzig. Theodor Litt war auch in Leipzig nicht vergessen.
Ja, mehr noch: Theodor Litt ist seit 1990 wieder an seine Universität „zurückgekehrt”. Seit 1997 veranstaltet die Erziehungswissenschaftliche Fakultät zweitätige Theodor-Litt-Symposien, die sich auf eine bestimmte, mit seinem Schaffen verbundene Thematik beziehen. Das waren: 1997 Zeitzeugen im Gespräch, 1998 Theodor Litt und der Nationalsozialismus, 1999 Theodor Litts Wirken in der SBZ und seine Auseinandersetzung mit der DDR, 2000 Theodor Litt und die Naturwissenschaften, 2001 Theodor Litt im Leipzig der 20er Jahre, 2002 Gemeinschaft und Individuum, 2003 Universität und Volksbildung. Zur Differenzierung der Pädagogik im Umkreis von Theodor Litt, 2004 Theodor Litt und die Politische Bildung sowie 2005 Theodor Litt – Werte lehren und Werte leben in der Demokratie.
Am 28. Januar 1998 wurde in Leipzig die Theodor-Litt-Gesellschaft zur Erforschung und Pflege der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik gegründet. Den Litt-Nachlass hatte 1985 sein Sohn Rudolf Litt der Universität Düsseldorf übergeben, der von dem Litt-Schüler, Professor Friedhelm Nicolin, betreut wurde. Als 1991 der Litt-Schüler, Peter Gutjahr — Löser, Kanzler der Universität Leipzig wurde (im Amt von 1991 bis 2005), gab es Anstrengungen, den Nachlass an den Ort zurückzuholen und aufzubewahren, an dem Litt am längsten gewirkt hatte, die von Erfolg gekrönt waren. Am 10. Juli 1997 konnte der Leiter des Universitätsarchivs Leipzig, Prof. Dr. Gerald Wiemers, schließlich in Düsseldorf aus den Händen von Friedhelm Nicolin den Nachlass übernehmen. Nach Verhandlungen von Peter Gutjahr – Löser mit den Litt-Erben kam es am 31. Mai 1997 zu einem Schenkungsvertrag zwischen ihnen und der Universität Leipzig, vertreten durch den Rektor Cornelius Weiss.28
Auch der Litt – Preis (ehemals Förderpreis für Lehre – seit 2001 ausgelobt durch die Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V.) bewahrt das Andenken an den Gelehrten. Und nicht zuletzt hat erst kürzlich Peter Gutjahr-Löser in der Schrift “Jubiläen 2005 Personen/Ereignisse Universität Leipzig” – herausgegeben vom Rektor der Universität – an den 125. Geburtstag des Gelehrten erinnert.

pdf

Theodor-Litt-Jahrbuch
2007/5
Leipziger Universitätsverlag 2007